09.11.2009 – Apothekerporträt - Walther Schoenenberger und sein Lebenswerk

Wussten Sie, dass die Entwicklung der heute in Apotheken und Reformhäusern verkauftenFrischpflanzensäfte auf einen Apotheker zurückgeht? Walther Schoenenberger (1901–1982) und sein Lebenswerk, die Magstadter Firma Schoenenberger, sollen hier näher vorgestellt werden.
Der 1901 in Zürich geborene Walther Schoenenberger entwickelte früh ein Interesse an Heilpflanzen. Gerne wäre er Arzt geworden, aber für die teure Ausbildung fehlte der zunächst nach Italien (Florenz), dann nach Deutschland (Schlesien, Bad Cannstatt) ausgewanderten Familie das Geld. So fiel die Entscheidung auf den Apothekerberuf. In seinen Lehrapotheken in Freudenstadt und Lübeck sowie in seinem Assistentenjahr in Eisenach konnte er etwas Geld verdienen und für das sich an die zweijährige Lehrzeit anschließende Pharmaziestudium in München zurücklegen. Und er fand hier wichtige Fachliteratur, die ihn darin bestätigte, dass es weitere Wege zur Nutzung der in vielen Pflanzen schlummernden Heilkräfte geben musste als die Teezubereitung oder den alkoholischen Auszug. Seine Theorie: erntefrisch ausgepresste Pflanzensäfte enthalten nicht nur mehr Wirkstoffe als Extrakte aus getrockneten Drogen, sondern einen kompletten „Wirkstoffring“, also Flavonoide, ätherische Öle, Gerb- und Bitterstoffe, Polysaccharide, Spurenelemente, Mineralien und Vitamine.
Die ersten Versuche zur schonenden Herstellung ohne Zusatz von Zucker, Alkohol oder Konservierungsmitteln haltbarer Frischpflanzensäfte begannen 1921 in Mutters Küche. Sie waren erfolgreich, denn 1927 konnte, nach bestandenem Staatsexamen und zweijähriger
Apothekenpraxis, in Bad Cannstatt (heute ein Stadtteil von Stuttgart) eine bescheidene Produktion aufgebaut werden, die 1928 in eine ehemalige Brauerei nach Magstadt verlegt wurde.
Viele Rückschläge...
Walther Schoenenberger musste viele Rückschläge verkraften – doch der groß gewachsene Apotheker erwies sich als echtes „Stehaufmännchen“. Die Inflation fraß die finanziellen Reserven. Mit dem Tod des Doktorvaters starb der Traum von der Erlangung des Doktortitels.
Die Apothekerschaft hatte kein Interesse am Verkauf der Frischpflanzensäfte. Eine ganze Güterwagenladung frischer Säfte für ein Berliner Reformhaus – die Hälfte der Jahresproduktion – wurde in einer Frostnacht unbrauchbar, weil die Flaschen zerbarsten.
Übende Panzer zerstörten die Johanniskrautfelder. Für die Nationalsozialisten war er ein Ausländer, der wegen seiner Kontakte in die Schweiz mehrfach inhaftiert wurde. Fliegerbomben ruinierten die Produktionsgebäude.
Als er 1947 in seiner Schweizer Heimat einen Neubeginn versuchte, verweigerten ihm die Behörden die Anerkennung des deutschen Abiturs sowie des in Deutschland erworbenen Apothekertitels. (...)
Sturkopf mit Visionen
Der Pflanzenforscher Schoenenberger hatte klar erkannt, dass der Qualität der eingesetzten Ausgangsstoffe eine Schlüsselrolle zukam. Gegen viele Widerstände überzeugte der Öko-Pionier die Bauern in seiner Umgebung, dass sie „Unkräuter“ wie Löwenzahn, Schafgarbe oder Brennessel anbauten und auf den Einsatz von Kunstdünger oder Schädlingsbekämpfungsmitteln verzichteten. Optimaler Erntezeitpunkt, kurze Lieferwege, moderne Verarbeitungsverfahren – vom Waschen und Schneiden bis zum Pressen, von der Tyndallisierung zur Verhinderung mikrobieller Prozesse bis zur Flaschenabfüllung – waren weitere Kernelemente seiner erfolgreichen Strategie.
Aber nicht nur in pharmazeutischen Punkten war Apotheker Schoenenberger den meisten seiner Zeitgenossen voraus. Er hatte während des Pharmaziestudiums als Komparse beim Film gejobbt und erkannte früh die Bedeutung professioneller Reklame. Genutzt wurden die modernsten Möglichkeiten – vom Werbefilm im Kino bis zu Werbespots im Rundfunk.
Als einer der ersten setzte er einen Zeichentrickfilm zu Werbezwecken ein, für einen weiteren von ihm entwickelten Klassiker: die Olbas-Tropfen, ein Universal-Hausmittel für Magen, Nerven und Grippeschutz.

Die lange Jahre als „Spinnerei“ abgelehnte Idee der therapeutischen Verwendung von Frischpflanzensäften setzte sich nicht nur bei den Verbrauchern, sondern auch bei den Behörden durch.
Das Arzneimittelgesetz (AMG) von 1961 nahm Frischpflanzensäfte als freiverkäufliche Arzneimittel auf. Bis heute haben die mit arzneilichen Indikationen in den Verkehr gebrachten Säfte eine auf dem Nachweis von Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit basierende amtliche Zulassung. Daneben sind weitere Presssäfte als Lebensmittel im Handel – alle in Bio-Qualität.
Für sein Lebenswerk wurde Walther Schoenenberger 1971 mit dem Bundesverdienstkreuz
geehrt. Nach seinem Tod im Jahr 1982 wurde die von ihm geschaffene Firma zunächst bis 1991 gemeinsam von seinem Sohn und seinem Schwiegersohn weitergeführt, dann von der Salus-Gruppe übernommen und zu einem modernen Produktionsbetrieb umgebaut, an dem er seine Freude hätte.
Verfasser: Dr. Michael Schmidt, Fachapotheker für öffentl. Gesundheitswesen und Fachjournalist, Pfeiferstr. 15, 72108 Rottenburg
Der Verfasser dankt Herrn Apotheker Dr. Thilo Hassler von der Firma Schoenenberger für die Überlassung von Informations- und Bildmaterial.
















